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Verneinen

Ohne die Fähigkeit zu verneinen ist kein psychisches System lebensfähig. Wichtige Unterschiede bestehen darin, ob die Verneinung chronisch oder punktuell geschieht und ob sie sich auf ein Verhalten oder die Person bezieht. Der Unterschied zwischen den beiden Sätze „Du bist nie die Tochter, die Du sein sollst!“ und „Ich möchte nicht, dass Du zum Essen mit ungewaschenen Händen kommst!“ könnte größer nicht sein. Wenn nun jemand erlebt, dass kleinere oder größere Aspekte seiner Person chronisch abgelehnt, beschämt, allein gelassen oder abgewertet werden, dann wird er sich mit großer Wahrscheinlichkeit diese Botschaft seiner Person zu eigen machen. Er spaltet sich innerlich gewissermaßen auf in einen anklagenden und in einen angeklagten Teil, in einen verfolgenden und verfolgten Teil, in einen „Geh-weg!“- und in einen „Ich-bin-unerwünscht!“-Teil, in einen „Du-solltest!“- und einen „Ich-bemühe-mich!“-Teil usw. Menschen verinnerlichen Selbstablehnung. In diesem Moment wird die Fähigkeit zur Verneinung also dysfunktional genutzt. Daraus erwachsen vielfältige Probleme im Hinblick auf Selbstachtung, Selbstregulation, Selbstwahrnehmung, Beziehungsverhalten etc. Besonders charmant ist, dass Beratung häufig aufgesucht wird, weil die selbstablehnenden Repräsentanzen der Person nicht so erfolgreich sind wie gewünscht („Ich möchte sicherer werden!“) oder die abgelehnten Teile zusammengebrochen sind („Burn-Out“). In beiden Fällen soll eine „Reparatur“ erfolgen. Damit würde der Berater aber zum Gehilfen der Selbstablehnung im Klienten. Er würde Schaden anrichten, wenn er diese Gefahr nicht erkennt und bestensfalls zur Verschiebung der akuten Not beitragen (leider geschieht dies jedoch nur all zu oft). Was durch einen Mangel an Bejahung und Akzeptanz als Problem im Klienten entstanden ist, kann nicht ohne Akzeptanz kuriert werden. Beratung als Verbesserungsstrategie für den Klienten setzt das Drama einer dysfunktionalen Erziehung fort. Demnach kommen der Fähigkeit des Beraters, allen Seiten im Klienten mit Wohlwollen, Akzeptanz und Zugewandtheit zu begegnen, die Funktion der Selbstablehnung zu erforschen, Stimuli zu setzen, welche Bejahungsimpulse wieder ermöglichen, und nicht zuletzt auch seiner Konsequenz, mit der er den Klienten in die vermiedenen Bereiche des Selbsterlebens führt, große Bedeutung zu.



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