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Plausibel machen

Ein Jazzkenner findet die Abfolge von Akkorden beim Improvisieren höchst plausibel. Jemand der diese Musik das erste Mal hört, wird kein Muster entdecken können. Ein Kunstgeschichtler wird in den Mosaiken mittelalterlicher Kirchenfenster Allegorien sehen, ein normaler Tourist willkürliche Farbenspiele. Ein Mensch kann sagen „Ich verstehe mich nicht!“, und meint damit, dass ihm seine Impulse oder Gefühle nicht plausibel sind, er sie nicht herleiten kann und ihren Sinn und Zweck nicht versteht. Die Leitunterscheidung plausibel/unplausibel beschäftigt das psychisches System ununterbrochen. Aus der Fülle dessen, was man in sich wahrnimmt, fühlt und denkt, und aus der Fülle an Signalen und Reizen der Umwelt, der man ausgesetzt ist, muss man ständig eine Auswahl treffen. Man muss wählen, woraus man eine plausible, „sinnvolle“ Information für sich generiert und was man im „Grundrauschen“ der (Innen-)Welt an sich vorbeiziehen lässt. Diese Unterscheidung wird in den meisten Bereichen implizit erfolgen. Oft braucht es einen Anlass (Unerwartetes, Gefährliches, Schmerzliches, anders Geplantes, Ungewöhnliches etc.) um einen Anlass für explizite Plausibilisierungsaktivitäten zu haben: „Wieso? Wie das? Warum so und nicht anders? Aha!“ Aufgrund begrenzter Kapazitäten muss man entscheiden, was man verstehen möchte und was wahrgenommen, aber unverstanden bleiben darf. Bei dieser Entscheidung kann man nun – wie bei allen anderen auch – Fehlentscheidungen treffen, und man kann scheitern im Versuch etwas zu plausibilisieren. Deshalb muss Beratung auch an diesem Leitprozess der Psyche ansetzen.



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