Du bist hier: Start

Wählend

Kommunikation ist notwendig und möglich, weil man nicht weiß, wie der andere reagiert oder was er antwortet. Wüsste man, was der andere denkt und wüsste der andere, was man selbst denkt, müsste man nicht miteinander reden. Die Unsicherheit, die aus dieser Unkenntnis der psychischen Prozesse anderer erwächst, wird durch Kommunikation bearbeitet. Ich werde angesprochen und kann frei wählen, ob und wie ich das Gesagte verstehen will. Zustimmend oder ablehnend oder gar nicht. Diese Ungewissheit wird im Konfliktsystem deutlich reduziert oder vollständig eliminiert, weil das Verstehen auf Ablehnung fixiert wird. Es dreht sich dann nur noch um die Art, die Intensität, die Reichweite, die Verallgemeinerung und die Ebene der Ablehnung.
Somit kommt dem Pol „wählend“ im Reaktionsmodus des Konflikts die Funktion zu, den Automatismus der Verneinung zu unterbrechen und die Wahl eines (partiellen) Jas neben dem Nein in der Kommunikation wieder zu ermöglichen. Auch das „Ja“ kann viele Formen annehmen. Zustimmen, erkunden, abwägen, differenzieren, verhandeln, prüfen, austesten etc. Immer dann, wenn im Konfliktsystem offener wird, ob mit ja oder nein in der Kommunikation fortgefahren wird, mildert dies die Asymmetrie.
Eine Partei muss damit anfangen, wenn der Konflikt eine Unterbrechung erfahren soll. Dieser Anfang wird so gut wie immer als riskant erlebt, weil auf das eigenen „Ja“ neuerlich das etablierte „Nein“ auf der anderen Seite droht. Dies führt üblicherweise zu neuer Enttäuschung und zu einer Restabilisierung des Konflikts („Wir haben das schon so oft versucht!“). Deshalb braucht es für diese Art der Konfliktunterbrechung ausreichend Resilienz.