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Selbstorganisation

Selbstorganisation ist einer dieser schillernden Begriffe, die in unterschiedlichen Theorien als auch alltagssprachlich benutzt werden und damit leicht Mißverständnisse erzeugen. Untersucht man seine Verwendungsarten, stellt man fest, dass er beschreibend („So funktioniert unser Team“), erklärend („Weil wir selbstorganisiert sind, sind wir erfolgreich!“) als auch bewertend („Ohne Selbstorganisation kann heute kein Unternehmen mehr erfolgreich sein!“) eingesetzt wird. Meist weiß man nicht so genau, was gemeint ist. Denn der Begriff grenzt sich von sehr unterschiedlichen – meist negativ gesehenen – Gegenbegriffen ab wie Fremdorganisation, Hierarchie, Fremdbestimmung, Konstruktion, Chaos, Willkür, Kontrolle, Autorität.

Gerade die Gegensetzung Selbstorganisation / Hierarchie ist äußerst problematisch, da sie suggeriert, man könne oder müsse (!) sich in dieser Hinsicht entscheiden und eins von beiden abschaffen! Jedes System braucht aber beides. Zudem muss in sozialen Systemen auch Hierarchie selbst organisiert worden! Daher muss beim Begriff Selbstorganisation immer gefragt werden, welches „Selbst“ denn gemeint ist, das sich organisiert – oder daran gehindert wird. Im letzteren Fall: Welches Selbst ist dies und wie kommt es zu dieser Macht?

Selbstorganisation wird auch oft mit wirksam, agil, demokratisch, motivierend etc. aufgeladen, so als ob etwa in selbstorganisierten Gruppen sich keine starren Strukturen, keine informellen Machtpositionen oder demotivierenden Entscheidungsprozesse etablieren könnten. Und – auch hierarchische Systeme sind in ihrem Umgang mit der formalen Führung selbstorganisiert!

Systemtheoretisch ist deshalb die Frage, ob die vom System gewählte Form der Selbstorganisation passend und funktional ist oder nicht. Und dann können hierarchische wie demokratisch Strukturen hilfreich oder schädlich sein. Auf einer Theorieebene verwenden wir hier bevorzugt eher die Begriffe Autopoesis, Selbstreferenz, Selbstselektion, Selbststeuerung, Reflexion, Entscheidung, Dynamik und Veränderung, um die unterschiedlichen Aspekte von Selbstorganisation zu erfassen.