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Leitprozesse der Konfliktdynamik

Wenn Konflikt als Prozess verstanden wird, lässt sich erklären, dass mehr oder weniger alles zum Gegenstand einer Konfliktdynamik werden kann und dass Konflikte überall und immerwährend das soziale Leben prägen (Missverständnis und Konflikt sind also das “Normale”). Konflikte sind für die Stabilisierung wie für die nötige Destabilisierung sozialer Muster unerlässlich.

Dieser theoretische Ansatz unterscheidet zwischen Konfliktursachen und dem Konflikt selbst. Es gibt unendliche viele Theoriebildungen, die sich mit den Ursachen von Konflikten beschäftigen und sie damit erklären: Also etwa aus Ungleichheit der Menschen, aus Ungleichheit der Eigentumsverhältnisse, aus Verteidigungs- wie aus Angriffsinteressen usw. Wir sehen hier Konflikte hingegen als kommunikative Prozesse an, die ihre eigene Dynamik haben und ihre eigene Fortsetzung betreiben. Konflikte können dann als spezifische Entscheidungsvorgänge verstanden werden, die sich kontinuierlich mit neun Leitunterscheidungen beschäftigen, die sich in zwei Polaritäten differenzieren. Die Besonderheit liegt darin, dass diese Pole eine asymmetrische Form haben. Beide Pole sind wichtig, aber einer entwickelt immer einen Sog (hin zur Kontingenzauflösung und Fixation).

Wenn erstmal entschieden wurde, dass man selbst richtig liegt, die anderen Schuld haben, nur noch die Durchsetzung eigener Interessen zählt, die Interessen der anderen abgelehnt werden, die „Anderen“ zu „Feinden“ werden, generell alles mit Misstrauen belegt wird, Drohungen ins Spiel kommen und das Interesse an den anderen erlischt, dann hat die Kommunikation eine „Form“, die sie so leicht auch nicht mehr verliert. So kommt es zum Selbsterhalt des Konflikts, der seine psychische und soziale Umwelt in seinen Bann zieht.

Konflikte sind also ähnlich wie Regeln, Normen, Gesetze, Tabus, Belohnungen und Bestrafungen, Restriktionen, Ausbildung von Gewaltmonopole, Gewaltenteilung etc. eine Art und Weise, mit der Ablehnung von Interessen anderer Menschen, Gruppen, Organisationen und Staaten zurecht zu kommen. Sie vereinfachen und geben Orientierung (und schaffen Handlungsfähigkeit). Sie bilden Entscheidungsprämissen. Das entlastet. Und deshalb gibt es sie.

Wir unterscheiden neun Leitprozesse, mit deren Hilfe man die Struktur und Eigenart von Konfliktdynamiken verstehen und beeinflussen kann.