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Gegenwärtige Vergangenheit

Wenn man schon einmal erlebt hat, wie vier Zeugen eines Unfalls den Hergang auf vier unterschiedliche und kaum vereinbare Weisen schildern, weiß man, dass die Vergangenheit nicht feststeht. Aber auch innerhalb einer Person ist das zu beobachten: Wer kennt es nicht, dass er ein und dasselbe Lebensereignis zu unterschiedlichen Zeitpunkten (= zu unterschiedlichen Gegenwarten) sehr unterschiedlich erinnert und bewertet hat. Daraus folgt: Jede Gegenwart hat ihre ganz eigene Vergangenheit. Das was geschehen ist, wird auf immer wieder andere Weise neu gegenwärtig und bekommt neue Bedeutungen.

Ob also eine schwierige Kindheit, der Konkurs des Unternehmens, das gelungene Teamprojekt oder die Umstrukturierung als Schaden oder als Nutzen gewertet werden, hängt von der Perspektive der jeweiligen Gegenwart und des jeweiligen Beobachters ab. Die Paradoxie der Zeit bedingt also, dass es immer Kommunikationsbedarf über Zahlen, Daten, Fakten gibt, weil diese nicht einfach vorliegen (siehe auch „vergangene Gegenwart“). Organisationen müssen daher ständig Diskurse über die gegenwärtige Bewertung von Fakten führen! Je komplexer die Lage, desto wichtiger ist es, diverse Interpretationen zu haben, um der Gefahr zu begegnen, dass man auf die eigenen Vorurteile und gewohnheitsmässigen Sichtweisen hereinfällt.